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Donnerstag, 12. Januar 2012
// Film

The state of longing

Von: Rudolf Preyer

Gegensätzlicher könnten die Sozialutopien nicht sein, die Paul Poet in »Empire Me« am Beispiel von sechs Mikro-Nationen skizziert. — The social utopias sketched by Paul Poet in »Empire Me« using the examples of six micro-nations could not be any more contrasting.

TBA: The Swimming Cities of Serenissima: Wie konnte eine aus Abfällen zusammengeschusterte Floßflotte Venedig entern?

Paul Poet: Diese Gemeinschaft versteht unsere Welt als bereits untergegangene – im Prinzip sehen sie sich als Survivalists. In ihrer Recycling-Welt betreiben sie Dumpster-Diving, sie bedienen sich also an weggeschmissenen Lebensmitteln. Das Gespräch zwischen Captain Conny und Spy fasst den ganzen Film zusammen: Brauchen Menschen ein fixes Staatssystem oder ist eine Mikronation, am gegenständlichen Beispiel der Schwimmenden Städte, ein Event, das Menschen inspiriert und aufzeigt, dass man als »fahrendes Märchen« trotzdem eine Gemeinschaft sein kann? Genau dadurch haben sie es tief in der Nacht geschafft, unbemerkt in Venedigs Canale Grande einzufahren. Bis zum Morgengrauen schipperten sie entlang dieser leeren Steinwände, die so viel Kultur und Geschichte tragen – sie wirken wie eine Theaterkulisse. Europa ist eine untergegangene Welt in der Nacht.

Im Freistaat Christiania inmitten der dänischen Hauptstadt Kopenhagen kommt es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und einer gewaltbereiten (Drogen-)Szene, was den friedliebenden Eskapisten ihre sozialutopischen Träume vergällt. Wird die Christiania-Revolution von ihren Kindern gefressen?

Ich zeige keine perfekten Utopien, sondern Menschen, die sich auf der Suche wohl fühlen. Entsprechend sind diese Experimente auch von Schattenseiten durchsetzt. Christiania versteht sich als Dschungel, wo der Obdachlose oder der Öko-Village-Hippie ein gleiches Recht hat wie der bewaffnete Drogendealer, was natürlich zu Konfliktflächen führt. Außenstehende bekommen immer nur das Hippie-Anarcho-Idyll präsentiert, dabei sehen sie kaum den ständigen Krieg mit der Polizei oder den inneren Kampf – die Drogendealer sind tatsächlich Ultrakapitalisten. Christianias Problem liegt hauptsächlich im Friede-Freude-Eierkuchen-Aspekt. Der Teil der Christianiter, der gealtert ist, tritt auf der Stelle, hier gibt es das Phänomen des Bourgeoiser-Werdens, der Schrebergartenmentalität. Jedes soziale Zusammensein braucht aber den ständigen Austausch, die Neuerfindung. Die neuen Ideen der Nachwachsenden werden leider durch den konservativen Teil der alternativen Welt permanent erdrückt.

In der Verfassung von Damanhur (nahe der italienischen Stadt Canavese) heißt es: »Jeder Bürger verpflichtet sich, positive harmonische Gedanken zu verbreiten und jeden Gedanken und alle Handlungen dem spirituellen Wachstum zu widmen und dabei immer das Ideal dem persönlichen Interesse voranzustellen.« In der Gemeinschaft wird mit Pflanzen musiziert. Welche Stimmen hören die Damanhurianer?

Damanhur mit seiner kilometerlangen in den Berg gehauenen Tempellandschaft hat sich in den End-70ern als obskures Tolkien-Esoterik- Gemisch gebildet. Der Anführer Falco bzw. Alberto Araudi hat sich als transdimensionaler Reisender geäußert. Die Damanhurianer wollen die Zukunft der Menschheit darstellen – und das mit allen Mitteln. Damanhur – eine Föderation von Öko-Dörfern – ist inzwischen zu einem richtigen Staat im Staate angewachsen, der sogar schon jenseits der offiziellen Demarkationslinie operiert. Damanhur hat bereits drei Gebirgsdörfer eingenommen. Die Vera?stelungen der Schattenwirtschaft reichen freilich bis Rom und Turin. Falco herrscht über die A- bis D-Bürger mit einer strengen Hierarchie und einem extrem rigiden Bruttosozialprodukt-Denken, wobei die A-Bürger als »Belohnung« einen von der Gemeinschaft gewählten Namen tragen dürfen: Der Vorname bezeichnet ein Tier, der Nachname eine Pflanze. Damanhur ist sicher der Ort, wo ich mich als Anarchist am wenigsten frei gefühlt habe.

Ist der ideale Staat nicht vielmehr ein Staat der Sehnsucht?

Das Basisgefühl von »Empire Me« ist Selbstermächtigung. Dass man auf seinem Grundstück – und habe es nur einen Quadratmeter – eine Fahne der Souveränität ausflaggen kann (und man das auch völkerrechtlich darf). Sehnsucht ist die beste Heimat, auf die man bauen kann!

TBA: The Swimming Cities of Serenissima: How was it possible for a raft fleet cobbled together from rubbish to enter Venice?

Paul Poet: That community considers our world as already destroyed – basically, they think of themselves as survivalists. In their recycling world, they practice dumpster diving, that means they resort to discarded food. The conversation between Captain Conny and Spy sums up the whole film: Do human beings need a stable governmental system or does a micro-nation – illustrated by the concrete example of the swimming cities – constitute an event which inspires people and reveals that even as a »traveling fairytale« one can be a community? That is exactly how they managed to sail into Venice’s Canale Grande unnoticed at the dead of night. Until dawn, they cruised along these empty stone walls which carry so much culture and history – they appear to be theatre scenery. Europe is a lost world in the night.

At the Freetown Christiania in the midst of the Danish capital Copenhagen, heated disputes between the police and a (drug) scene prepared to use violence arise on a regular basis, which spoils the social-utopian dreams of the peace-loving escapists. Is the Christiania Revolution being eaten up by its children?

I don’t show the perfect utopias, but rather people who feel comfortable in search of one. Accordingly, those experiments are interspersed with drawbacks. Christiania can be considered a jungle where the homeless or the eco-village-hippie have the same rights as the armed drug dealer, which naturally leads to conflict areas. Outsiders only ever see the hippie-anarcho-idyll, but they overlook the constant war with the police or the internal struggles – the drug dealers are actually ultra-capitalists. The main problem in Christiania is its »love, peace, and harmony« illusion. Those Christianites who have grown older are marking time; there is the phenomenon of becoming even more bourgeois, of allotment garden mentality. Every form of social coexistence, however, needs a constant exchange, reinvention. Unfortunately, the new ideas of the young are being constantly repressed by the conservative part of the alternative world.

In the constitution of Damanhur (near the Italian city Canavese) it says: »Every citizen makes a commitment to spread positive, harmonious thoughts and to direct every action and thought towards spiritual growth, placing ideals above personal interest.« In this community, people make music with plants. What kind of voices do the Damanhurians hear?












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