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Donnerstag, 18. Juni 2009
// Magazin

Der andere Sommer Sale

Von: Rainer Krispel

Sommerzeit ist Festivalzeit. Eine einfache Gleichung, die gleichzeitig einen neuen Typ Band hervorgebracht hat: die typische Festivalband.

"Love and hate was in the air, like pollen from a flower / somewhere in April time, they add another hour", sang Bob Mould einst mit den großen Hüsker Dü. Zu einer Zeit, als US - Groß - Festivals wie Lollapalooza oder Coachella noch ferne Zukunftsmusik waren, ebenso wie Punk'n'Sport - Themenparks à la Deconstruction - Tour, weil die entsprechende Subkultur noch emsig damit beschäftigt war, ihre politische Wut und Ohnmacht in Rock - Against - Reagan - Trails durch das weite amerikanische Land zu artikulieren. Ronald Reagan ist mittlerweile mausetot, die Welt hat sich überhaupt weiterbewegt. Was Popmusik angeht, durchaus nicht nur zum Schlechten. Neben europa - und weltweiten Groß - Musikfestivals, die wie ein überdimensionaler Body - oder Headcount anmuten können – wieviele ZuschauerInnen, wieviele Bands an wie vielen Tagen auf wie vielen Quadratkilometern Festivalfläche mit wie vielen Nebenattraktionen? – gibt es auch Alternativen.

Allen voran die All - Tomorrow's - Parties - Sausen, die ihrerseits einen gar nicht blöden Reunionszirkus wirklich cooler, künstlerisch wichtiger Bands, denen der Aufstieg in die Megakommerzebene zum Glück oder leider zu ihrer Zeit nicht vergönnt war, befeuern. Wo Hüsker Dü, sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass die Herren Mould und Grant Hart ihre Differenzen je überwinden, hervorragend hinpassen würden. Und wovon zum Beispiel das Donaufestival im niederösterreichischen Krems profitiert und immer wieder mit Bands punktet, die für extremere künstlerische und ästhetische Positionen der Popmusik wichtig waren und sind. Im großen Bild, das Kapitalismus, konform längst der Ansicht (oder Einsicht?) gemäß agiert, dass "Kunst" mit der Anzahl ihrer BetrachterInnen an Substanz und Relevanz gewinnt, wird hingegen ganz anders programmiert.

Da verteilen sich Jahr für Jahr eine überschaubare Zahl von Headlinern – im deutschsprachigen Raum denkt man da fast unweigerlich an Metallica, Die Toten Hosen, Die Ärzte oder Die Sportfreunde Stiller – über die entsprechenden Festivals, wenn es ein wenig grooviger sein darf, kommen einem zum Beispiel Seed in den Sinn. Dahinter kommt ein ebenso überschaubarer Pool von Bands und Künstlern, die die folgenden Slots bespielen, mit gelegentlichen, noch überschaubareren Neueinsteigern, sensationellen Reunion - Touren/Maschen (Rage Against The Machine, Faith No More …) und gelegentlichen Ausfällen wegen Auflösung. Was dann in zehn, fünfzehn Jahren zur Reunion führt. Der Recycling - Kreislauf der Popmusik.

The times they are a-changin

Mit diesem Song hat der große Bob Dylan, seinerseits seit Ewigkeiten auf der Never Ending Tour, definitiv einen Nerv getroffen. Dylan ist übrigens eine der wenigen überlebensgroßen US - amerikanischen Musikikonen, die nicht in Woodstock gespielt haben. Jenem Woodstock, das man getrost als Über - Mutter und - Vater aller Pop/Rock - Musikfestivals westlicher Prägung bezeichnen kann. Ein Haufen Bands, ein vager Kontext – die Peace & Love - Geschichte – und ein sich zufällig einstellender Mehrwert, befördert vom "free concert" - Mythos, der mehr mit Schlamperei und organisatorischer Unfähigkeit als allem anderen zu tun hatte.

Es mag lang gedauert haben, aber Michael Lang & Co, die Männer hinter dem mythosumrankten Mega - Hippie - Gathering, haben definitiv ihr Geld verdient. Es gehört immer noch zu den größeren Vergnügen, die die Popkultur zu bieten hat, Pete Townshend von den Who über das ach - so - großartige und friedliche Festival schimpfen zu lesen. Erhellend ein Kommentar des weisen Leonard Cohen, der sinngemäß zu Protokoll gab, dass vorne auf der Bühne über Friede, Liebe, Spiritualität, freie Sexualität und eine bessere Welt geredet und gesungen wurde, während hinten die Manager die Geldbündel zählten. Soviel zu den idealistischen 60er - Jahren. Da sind wir heute im Jahr 2009 eindeutig noch weiter. Wir können Musikfestivals als große sich verschränkende Kosten/Nutzen - Rechnungen definieren. Bei denen Veranstalter, Zuschauer und Bands (Sponsoren nicht zu vergessen) versuchen, auf ihre Kosten zu kommen und "Gewinn" zu machen. Mit viel und lauter Musik.

Eine Band ist ein Unternehmen

Das britische Millionenunternehmen Placebo bereitet sich dieser Tage darauf vor, zur Promotion ihres neuen Albums "Battle For The Sun" eine ausgedehnte europaweite Festivaltournee mit Stationen unter anderem bei Rock am Ring / Rock im Park in Deutschland und beim Novarock in Österreich zu absolvieren. Nicht nur für eine Band dieser Größenordnung klug gedacht: In möglichst kurzer Zeit wird ein großes, um nicht zu sagen riesiges Publikum erreicht, ohne den wirtschaftlichen oder logistischen Aufwand (und das Risiko) einer eigenen Headliner - Tournee eingehen zu müssen. Die Attraktion Festival und die Attraktion Band gehen einen nach außen kommunizierbaren Pakt ein.

Auch für kleinere Acts liegen die Vorteile des Auftauchens in solchen Festival - Zusammenhängen auf der Hand, mag dabei der eigene Name noch so klein - auf den Werbemitteln dazu ( – wenn überhaupt! –) auftauchen. Für den sympathischen deutsch - österreichischen Dancehall - Pop - Act Mono & Nikitaman, der für kleine wie große (Frequency!) Festivals gern gebucht wird, fällt es so leichter, die Gagen für die Musiker ihrer Begleitband zu garantieren, und das Publikum wird in der Regel noch größer sein als bei den schon recht ansehnlich besuchten Einzelkonzerten. Für die mittlerweile in Österreich bei einem Major (Album "December 32nd") veröffentlichenden Wiener Pop - Punker von 3 Feet Smaller gilt Vergleichbares.

Die Sommer - Ausflüge – heuer unter anderem zum Novarock, zum Donauinselfest und als Support der Ärzte bei deren Wiederholungskonzert im Linzer Stadion – potenzieren dabei das Zielpublikum – in ihrem konkreten Fall zusätzlich zur Ochsentour durch Klein - und Kleinstclubs – beträchtlich. Eine Notwendigkeit für die Band, weil, wie es Manager Filip Potocki formuliert, "sonst nicht passiert". Womit er meint, dass weder Printmagazine noch Radio die Band, die kurioserweise dennoch über eine veritable Fangemeinde verfügt, wirklich wahrnehmen. 
Bei der zunehmenden Beiläufigkeit von Musikkonsum – warum sich denn Musik überhaupt downloaden, wenn doch schon das Streamen zum Hörgenuss reicht? – ist der Livemarkt um das nachhaltige "Erlebnis" Livekonzert in den kommenden Jahren sicher jener, wo sich die wirtschaftlichen Aspekte des Musikgeschäfts aufs Deutlichste manifestieren werden. Wo Definitionsmächte und Begehrlichkeiten von Agenturen und Musikvermarktern ihre Sträuße ausfechten werden. Wo aber gleichzeitig MusikerInnen unterschiedlichster Stile und Popularität ihren Schnitt machen müssen und wollen.

Die großen Musikfestivals entsprechen dabei Supermärkten (mit allen Implikationen, you know, Fachhandel rules ok!) mit einem auf den ersten Blick, auf das erste Anhören großen, reichen Angebot. Wie das stylisch verpackte Dosenbier von Härtlingen und Crossover - Kombos à la Guano Apes oder Papa Roach, die sich hervorragend zum Auf- und Abhüpfen eignen. Oder als Soundtrack zu einer Art – durchaus legitimer! – Festivalvergnügen, die ein ungenannt bleibender Protagonist eines beliebten Sponsor - Partners solcher Veranstaltungen so formulierte: "Körpersäfte tauschen, die Reserven mit Alkohol wieder auffüllen, deppat sein." Und irgendwo gibt's sicher auch Champagner. Ob und wie lang sich die Bio -, Fair - Trade - oder regionalen Angebote halten, wird sich weisen.

 

 












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