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Longing for the light
Bunny Lake sind eine Band, die es seit ihrer Gründung 2004 nicht auf berechenbare Indie-Kompatibilität oder -Credibility angelegt hat. Die mit clubaffinen Electro-Pop-Stylings das Glück nicht in innerösterreichischen Live-Ochsentouren – wie oft kann eine Gruppe an den immer gleichen Plätzen auftreten? – gesucht hat. Im Interview erzählen Sänger/Texter Christian Fuchs und Sängerin Suzy On The Rocks von Auftritten in Mexiko und Russland. Davon, dass im Ausland die Reaktionen euphorischer sind und sie in Österreich mittlerweile – Ö3 hat mit dem dritten Album begonnen, ihre Musik zu spielen – ein »durchwachsenes« Publikum haben. »Da sind bestimmt junge Menschen dabei, die Christina Stürmer hören.« Bunny Lake finden das gut. Mittlerweile nähern sie sich mit »echtem« Live-Drummer und Bassisten (Christof Baumgartner) tradierten Bandformaten an. Eine schrittweise und organische Entwicklung, erklären die beiden Frontmenschen der nach einem Film von Otto Preminger benannten Formation. Christian Fuchs, der bei Radio FM4 seine Obsessionen Film und Musik journalistisch verarbeitet, erzählt vom Life Ball 2010, für den Bunny Lake mit »Into The Future« den offizieller Song gestellt haben: Während die Band in einem Lokal mit angereisten Journalisten von Elle und Vogue sozialisierte – und Anknüpfungspunkte in deren subkulturellen Prägungen fand –, offenbarte sich, wer unweit Platz genommen hatte: der leibhaftige HC Strache. Keine Frage, welche Runde einem näher ist.
Sich nicht mehr am Nachtleben abarbeiten
Bunny Lake haben 2011 viel gearbeitet. Weniger als Live-Act, hauptsächlich an den elf Tracks des neuen Albums, dazu täglich anfallende »Kleinigkeiten«. Es war nicht ganz unkompliziert, die Beteiligten – die Songs werden im Studio von Bunny-Lake-Mitglied Bernd Heinrauch in der Steiermark entwickelt – für einige viertägige Sessions zu versammeln, den gemeinsamen Einstieg in die Bunny-Lake-Welt zu finden. Klar war, dass man sich nicht mehr am Party- und Nachtleben und den resultierenden Katerzuständen und Zusammenbrüchen abarbeiten würde. Dekadenz? Befleckter Glamour? Been there, done that, had fun doing so.
Von Lyrics oder Gesangsmelodien ausgehend, setzen Bunny Lake ihre Stücke zusammen, Suzys und Christians Ideen werden von Heinrauch aufgegriffen und ergänzt. Neue Songs wie die erste Single »Follow The Sun«, »Woods On Fire«, »After The Revolution« oder »Crystal Kiss« erzählen dabei andere Geschichten und evozieren andere Bilder als bislang von Bunny Lake gewohnt. Wenn Christian Fuchs davon spricht, wie er den anderen die Lyrics zu »Follow The Sun« mit einer Power-
point-Präsentation nähergebracht hat, mit Michelangelo Antonionis Film »Zabriskie Point« als Referenz, wird deutlich in welche Richtung sich das neue Album orientiert. Die Möglichkeit, selbst für die eigenen Bandmitglieder zu weit zu gehen, stand konkret im Raum. Es geht um große Bilder, deren Licht nicht mehr ausschließlich künstlich ist. Eben noch wurde das ungewohnte Tageslicht nach den langen Clubnächten weggeblinzelt, jetzt geht’s der Sonne nach. Große Themen, große Gefühle und ein großer Sound. »Watching seasons going by / The desert is our hideaway / Staring at the western sky / It’s 1969 okay«, heißt es da – kein kleines Programm! Die verfliegenden Jahreszeiten, die Wüste und der westliche Himmel, die Flucht, das Verstecken vor einer Welt, der nicht zu trauen ist und die im Privaten wie Politischen immer weniger »Sinn« macht. Antonioni hat die hippieseke Aussteiger-Weltflucht reflektiert, bei Bunny Lake klingt jetzt die Welt in der Dauerkrise mit. Wobei: So nahe Fuchs das Medium Film auch ist, mehr als je zuvor bei Bunny Lake flossen die Erfahrungen aus dem eigenen Umfeld, die Irritationen und Wirrungen nicht superjunger Menschen, die mit der Welt, dem Leben und den Sehnsüchten noch nicht abgeschlossen haben, in die Lyrics ein. »Wenn jeder um dich herum in Therapie geht …«, sinniert Christian Fuchs. Er gewinnt daraus prachtvolle Poptexte, an der magischen Grenze zwischen »vage« und »konkret«, die Songs zum Zitatschatz des eigenen Weltkommentars machen können. »There’s a world outside behind those curtains / And it’s dying while we are making love / Can you hear the helicopters flying / All the screaming coming from above«, hebt »After The Revolution« an, ein beeindruckendes Stück Popmusik. Ein, mit Verlaub, Hit, dessen Qualitäten selbst die Indie-Polizei abnicken muss. Neben ihrem fixen Co-Produzenten Christopher Just leisteten sich Bunny Lake die Mitarbeit des englischen Produzenten Gareth Jones, der schon für die Einstürzenden Neubauten, Depeche Mode und Wire tätig war. Möglich macht das im Jahr 2011 nicht der Major-Deal, sondern ein Auto-Werbespot, in dem Bunny Lake zu sehen und zu hören waren und der via »abgefallenem« Bandbus außerdem die mit dem Release des Albums im Februar 2012 sicher verstärkt gefragte Mobilität der Gruppe erhöht. Jones konnte mit der schon vorhandenen großen Qualität der Tracks viel anfangen. So wie es immer die Songs und nicht die Kontakte waren, die Bunny Lake Ö3-Airplay, das Engagement beim Life Ball, den Werbeauftritt und die Lockerung des Quasi-Boykotts der Musik eigener Mitarbeiter bei FM4 brachten.
Christian Fuchs: »Bei einem Sample, das Christopher auf einem der Demos hatte, hat Jones gesagt: ‚Keine Samples auf meinem Album! Phil kommt aus dem Gefängnis und erschießt uns ... ‘ Dann hat er selbst innerhalb von Minuten ein Snare-Break aufgenommen, was den ganzen Song noch besser gemacht hat.« Die Rede ist vom Phil-Spector-Drum-Break aus »Be My Baby« von den Ronettes, das sich so – hören Sie genau! – auf »The Sound Of Sehnsucht« (universal music) respektvoll zitiert findet. Einzig die Duette von Christian Fuchs und Suzy On The Rocks sind in den Hintergrund getreten. Dafür singt Letztere umwerfend und Fuchs’ Stimme hat ihre eigenen Songs, so wie er das Album durch seine Texte und Ideen (mit)prägt. »The Sound Of Sehnsucht« ist das stimmige und eindrucksvolle vierte Album einer Band, für die bisher immer auch jene Reibung Motivation gewesen ist, die sie bei manch glamfeindlichen und kleindenkenden Pop- Zeitgenossen ausgelöst hat. Was jetzt vielleicht wegfällt, weil das Album von einer solchen Qualität ist, dass es schon immer alle gewusst haben werden, wie gut Bunny Lake wirklich sind.