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Prater, Schock und Wackelpudding
Man kann schon mal nervös werden von der ganzen Bewegung. Überall rasende Finger, Handarbeit, Hektik. Fast möchte man meinen, eine junge Generation aus Österreich hätte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, der notorischen Gemütlichkeit ihrer Heimat via Hyperzappeligkeit den Garaus zu machen. Servus Wienerlied – hallo Elektroschock! Spätestens seit dem Aufschäumen der großen Sound-Melange Mitte der 90er-Jahre – Stichworte: Kruder, Dorfmeister, Downtempo, Kaffeehaus – galt es als global verbürgtes Pop-Wissen, dass der Wiener an sich unter dem ebenso charmanten wie chronischen Sofa-Surfing-Syndrom leidet. Nur ned aufregen, noch ein verhatschter Dub-Beat, alles easy in der Lounge. Knapp vor dem finalen Versinken in der Couchlandschaft hilft dann nur mehr eines zurück auf die Beine: eine »Trilingual Dance Sexperience«. So lautet der Titel einer geradezu schwindelerregenden Erfahrung von einem Track, nahe an der Hysterie und mit Folgen irgendwo zwischen akuter Migräne und Brechreiz, wie zumindest zarter besaitete Gemüter zu Protokoll geben. Zuständig für diese Schocktherapie ist ein Wiener Mittzwanziger namens Oliver Johnson. Wo sich andere Hip-Hop- und Electronica-Querdenker mit dem Durcheinanderwürfeln handelsüblicher Breakbeats schon zufrieden geben, fängt der Spaß für Johnson erst an. Angeschoben von der Energie rhythmischer Wackelpuddingmasse, verwandelt er sich in den Super-Synthesizer-Helden Dorian Concept und verbiegt Tonhöhen, Harmonien und Klänge mit einer Leichtigkeit, mit der sich andere höchstens Butter auf ihr Frühstückssemmerl schmieren. Einige Videos, die Dorian Concept beim Malträtieren seiner Keyboards zeigen, reichten im Grunde schon, um seinen Namen neben Flying Lotus oder Hudson Mohawke in die Ruhmesliste aktueller Elektro-Innovatoren zu lasern. Bisher sind etwa eine Handvoll Veröffentlichungen seines kaum zu kategorisierenden Future Funks erschienen, darunter das Album »When Planets Explode« bei Kindred Spirits in Amsterdam (2009) sowie zwei Katalognummern beim Wiener Label Affine Records.
Mittelmaß mangels urbaner Härte
Dorian Concepts Freunde und Affine-Kollegen Ogris Debris finden auch, dass man es mit dem Entspannen und Zurücklehnen durchaus übertreiben kann. »Wien ist eine sehr gemütliche Stadt, es lässt sich hier gut und leicht leben«, meint Daniel Kohlmeigner, »ich denke, dass gerade dieser Umstand zu viel Mittelmaß beiträgt. Ich vermisse manchmal die urbane Härte, die in anderen Weltstädten herrscht.«
Seit 2005 bildet Kohlmeigner gemeinsam mit Gregor Ladenhauf ein Duo, das mit akustischem Allerlei, viel Witz und viel Miau – ihr bis dato größter Hit hört auf den Namen »Miezekatze« – den Durchschnitt vom Dancefloor jagen will. Ogris Debris haben für dieses Vorhaben den Begriff Pracker-House in die Genrelotterie geworfen. Das Wort Pracker steht im gemeinen Wiener Dialekt für einen Teppichklopfer, im speziellen Fall von Ogris Debris für eine vollautomatische Herzrhythmusmaschine, die zwar wie gewohnt im Viervierteltakt auf die Kacke haut, zugleich den Belag der Tanzböden aber gründlich entstaubt. »Für uns ist Ogris Debris eine Art Beschwörungsformel für einen entkrampften Zugang zu Dancemusic«, erklärt Ladenhauf. Dass der Name außerdem auch der einer seltenen Chamäleonart sein soll, gehört wohl ins Großreich des Wiener Schmähs, passt aber bestens zum bunt gescheckten Sound des Duos, das zwischen dem Bassdrum-Bummbumm allerhand Schabernack zu veranstalten weiß. Digitales Geflirre und patentierte Teppichklopfer hier, traditionelles Handwerk da. Elektro Guzzi benutzen für ihre Musik nichts anderes als die Dreifaltigkeit des Rock ’n’ Roll: Schlagzeug, Bass, Gitarre. Bernhard Breuer, Bernhard Hammer und Jakob Schneidewind interessierten sich zunächst für Improvisation, entdeckten zeitgleich elektronische Musik für sich und spielen nun seit rund drei Jahren als Band zusammen. Ihr erstes, selbstbetiteltes Album ist 2010 beim Berliner Label Macro erschienen. Zu hören sind darauf weder Klangmaschinen noch Prozessorsperenzchen, sondern schlicht: von Hand live eingespielte Dancegrooves. »Wir nennen unsere Musik immer Techno«, erzählt Schlagzeuger Breuer. »Unsere Einflüsse liegen in der gesamten Techno-Geschichte und in allem, was mit Dub und experimenteller Musik zu tun hat.«
Quietsch- und Kratzgeräusche
Für die Produktion des Albums war Patrick Pulsinger verantwortlich, seit den frühen 90er-Jahren einer der Protagonisten der österreichischen Techno-Szene und später eine zentrale Figur des Vienna-Sound-Hypes. Dabei waren für seine Projekte schon damals viele Schubladen zu eng. Heute hat er Hercules And Love Affair im Studio, produziert für DJ Hell und adjustiert für Elektro Guzzi die Regler an seiner Analogkonsole genau so, dass das Trio zwischen den Polen Post-Rock und Tanzfläche eine enorme Spannung aufzubauen vermag. Aus mechanisch-repetitivem Zusammenspiel entsteht ein etwas sprödes Klangbild, immer ein wenig streng und bedrohlich, dessen gesamte Farbtiefe sich naturgemäß vor allem auf der Bühne offenbart. »Clapping« kann man sich in etwa so vorstellen, als würden die Wiener Avantgardisten von Radian ein Stück des finnischen Minimal-Techno-Pioniers Mika Vainio von 1993 covern; »Franz« würde auch als Backing-Track für einen No-Wave-Sänger aus dem New York der 80er eine schön schräge Figur abgeben. Der trocken treibende Bass, die hölzernen Rhythmen, die von der Gitarre nervös dazwischengestreuten Quietsch- und Kratzgeräusche verweisen zugleich auf Anfänge der elektronischen Tanzmusik und auf ihre irgendwo liegen gebliebenen, ausfransenden Enden. Den Weg zurück zu traditionellem Rock-Werkzeug sehen Elektro Guzzi jedoch nicht als Antithese zum immer noch mit Mailcheck-Vorwürfen bedachten Laptop-Konzert, sondern eher als dessen Fortführung – mit ganz anderen Mitteln. Für das Trio zählt vor allem eines: Weiterentwicklung. »Für eine kurze Zeit war es ja revolutionär, sich mit einem Laptop auf die Bühne zu stellen. Da haben ein paar Leute etwas Neues ausprobiert, haben sich was getraut. Das kann nur gut sein.« Die Funktionsweisen von Elektro Guzzi machen nicht nur auf ein chronisches Leiden elektronischer Musik – wie geht das denn live?! – aufmerksam, sie stehen auch exemplarisch für die Stärken der neuen Wiener Elektroniker. Die Affine-Acts sind ebenfalls, auch trotz vorhandener Laptops, für famose Auftritte bekannt. Vor allem Dorian Concept hat sich mit Shows, von denen keine der anderen gleicht, einen ziemlichen Ruf erspielt. Seine hyperaktiven Hände mögen vom jahrhundertealten Wissen um dorische Tonskalen gesteuert sein, sie weisen zugleich aber auch weit in die Zukunft. Wer will, kann als gemeinsamen Nenner der heißen neuen Wiener Electronica ausgerechnet den alten Hasen Jazz aus dem Zylinder zaubern. Die Klavierstunden in der Kindheit, die Einsprengsel in den eigenen Produktionen, die Praxis des Zusammenspiels und die Betonung der Improvisation – all das spielt für Elektro Guzzi, Ogris Debris und Dorian Concept eine große Rolle. Und zumindest die beiden letzteren Acts buchstabieren ihre Einflüsse, wenn sich etwa bei Radiokonzerten die Gelegenheit bietet, gerne in konkreter werdendem Jazz-Vokabular aus, mit Konzertflügel, Gastschlagzeuger, Sopransax und dem Aroma der Erwachsenheit in der Luft. Da werden Wildheit und Witz schon mal zurechtgestutzt und in edler Robe in die Swing-Lounge entführt. Was ihnen gar nicht so schlecht steht – zumindest schön zurückgelehnt von der Couch aus gesehen.